Samstagnachmittag
Laudate Dominum
DAS PROGRAMM
ABLAUF
Einzugsritus mit Salzburger Trompetern – Tua est potentia
Drei L’homme armé-Variationen – anonym, Josquin Desprez, Jean Mouton
Kyrie – Antoine Busnois
Gloria – Johannes Ockeghem
Una fontana, Se jo chant – anonym
Credo – Jacob Obrecht
Non perder, Non mi negar – anonym
Sanctus – Guillaume Dufay
Benedictus – Loyset Compère, Andray Soulet – Mateo da Perusio
Dio ti dia – Leonardo Giustiniani
Agnus Dei – Josquin Desprez
INFORMATIONEN ZUM PROGRAMM
Das geistliche Konzert wird durch ein zeitgenössisches Einzugszeremoniell eröffnet, das unter den Klängen von Pauken und Trompeten die Darsteller mehrerer während der Hochzeitsfeierlichkeiten in Landshut weilenden Fürstbischöfe in den spätgotischen Kirchenraum führt.
Nach einer akustischen Ankündigung durch die Salzburger Trompeter werden die hohen Gäste entsprechend der zeremoniellen Überlieferung aus dem 15. Jahrhundert in Empfang genommen und anschließend in den Altarraum geleitet. Im Wechsel mit Signalen der Bläser intonieren dabei die Sänger den Choral „Tua est potentia“, der in der Form eines Hymnus bei zahlreichen Herrscherinzügen ab dem 14. Jahrhundert belegt ist.
Die Reinszenierung dieser feierlichen Einzugschoreografie ist auch ein Hinweis auf die enorme Bedeutung der hohen Geistlichkeit sowie die selbstverständliche Einbindung kirchlicher Feiern in den Festablauf von 1475 – drei wichtige Gottesdienste unter Beteiligung hoher Reichsfürsten einschließlich des Kaisers werden in den Quellen zur Hochzeit teilweise ausführlich beschrieben. Zudem wurden während der Feierlichkeiten von 1475 dem neu gewählten Bischof von Bamberg, Philipp von Henneberg, vor dem Landshuter Rathaus durch Kaiser Friedrich III. die Reichslehen verliehen – ein bedeutsamer Akt, dessen politisch-religiöser Charakter die enge Verzahnung von Religion, Kirche und Politik im ausgehenden 15. Jahrhundert spiegelt.
Aber auch ein weltlicher Teilnehmer sticht bereits während des Einzugszeremoniells besonders ins Auge: Es ist der Ritter Heinrich von Staudach († 1483), dessen kunstvoller Harnisch bis ins letzte Detail der Abbildung auf seiner Grabplatte in der Krypta der Stadtpfarrkirche St. Jodok nachempfunden ist. Die Figur des niederbayerischen Adligen, der durch Stiftungen seiner Familie in enger Verbindung zu St. Jodok sowie in Hofdiensten der Reichen Herzöge stand, repräsentiert die Seite der Gastgeber von 1475 und leitet zugleich thematisch zum Inhalt des folgenden Konzertes über – den „Mann in Waffen“.
„L’homme armé“, „den Mann in Waffen muss man fürchten…“. Dieses mittelalterliche Lied, dessen Ursprung und Herkunft völlig im Dunkeln liegen, war zwischen 1450 und 1550 in ganz Mitteleuropa bekannt und sehr populär. Die allgegenwärtige Angst vor Kriegshandlungen war sicherlich der naheliegendste Grund hierfür. Aber auch die musikalische Kraft des Liedes, vor allem seine rhythmischen Eigenheiten, machten es für viele namhafte Komponisten jener Epoche zu einer Melodie, die es zu vertonen galt. So entstanden zahlreiche Parodiemessen, denen „L’homme armé“ thematisch zu Grunde liegt. Alle Messvertonungen des Programms beinhalten als cantus firmus die Liedmelodie. Manchmal ist sie unverändert eingearbeitet, manchmal rhythmisch und harmonisch angepasst, manchmal imitatorisch eingeflochten.
L’homme armé doibt on doubter.
On a fait partout crier
Que chascun se viengne armer
D’un haubregon de fer.
L’homme armé doibt on doubter.
Den Mann in Waffen muss man fürchten.
Überall hat man ausrufen lassen,
dass jeder sich bewaffnen solle
mit einem eisernen Kettenpanzer.
Den Mann in Waffen muss man fürchten.
Die Messvertonungen werden teils rein vokal, teils mit der typischen „colla-parte“-Aufführungsform dargeboten. Hierbei unterstützen die Instrumente die Singstimmen.
Das Soldatenlied vom bewaffneten Mann gab als „Schlager“ und Tanzlied die Basis für Improvisation – ein Hauptaspekt spätmittelalterlicher Musik. Mit ihrem einprägsamen Charakter – ein Quartsprung aufwärts, eine fallende Skala nach unten und dann die Quintsprünge nach oben – bildet die Melodie die Basis nicht nur zahlreicher Messvertonungen. So begegnet sie uns etwa in dem Kanon „Je chant“ als Ostinatomelodie, die von kunstvollen Verzierungen umspielt wird.
Darüber hinaus finden die irdischen Sehnsüchte der Soldaten, fern der Heimat, in dem Lied „Non mi negar“ ihren Ausdruck:
Non mi negar
Ein barmherziger Blick lindert meine Schmerzen,
wenn ich dein liebliches Gesicht nicht mehr sehen darf.
Diese arme, traurige Seele leidet, wenn sie nicht bei dir ist.
Wenn ich weggehe, zerreißt es mir das Herz,
Ach grausamer Abschied, der mich zum Weinen bringt.
Vergiss nur nicht, dass ich in der Ferne ausharre.
Mir fehlt der Lebenswille, so großer Schmerz überfällt mich.
Verweigere mir nicht, meine Dame, mir die Hand zu reichen.
Wie eng Glaube und weltliches Leben beieinander liegen, zeigt die gängige Musizierpraxis, gregorianischen Melodien oder allgemein gebräuchlichen Tanzliedern (Tarantellen) geistliche Texte zu unterlegen, die somit Einzug in die Gotteshäuser finden. Auch hier sind die charakteristischen Quintschaukeln zu finden, die „l’homme armé“ prägen. In dem toskanischen Lied „Una Fontana“ improvisiert der Gesang über die verwandten Harmoniefolgen.
Una Fontana
Aus einer Quelle können nicht zwei Flüsse entspringen,
und wenn doch, dann werden sie nicht sprudeln.
Eine Kerze kann nicht zwei Lichter machen,
und wenn doch, dann werden sie nicht hell.
Eine Glocke kann nicht zwei Klänge erklingen lassen,
und wenn doch, dann werden sie nicht mächtig sein.
DIE WICHTIGSTEN KOMPONISTEN
Antoine Busnois (ca. 1432–1492) war um 1467 Sänger am Hofe Karls des Kühnen von Burgund, ist dann am Hofe der Herzogin Margarete von Burgund und nach der Heirat Erzherzog Maximilians mit Maria von Burgund mehrfach an dessen Hof nachweisbar.
Loyset Compère (ca. 1450–1518) war 1474–75 Kapellsänger der Sforza in Mailand, 1486 Hofkapellsänger in Paris; 1498 erhielt er eine Präbende in Cambrai, 1500 in Douai und war zuletzt Kanonikus an der Eglise collegiale St. Quentin.
Josquin Desprez (ca. 1450–1521) war 1459–74 Kapellsänger am Mailänder Dom, wirkte danach in der Privatkapelle der Maria Sforza, stand 1476 in Diensten des Kardinals Ascanio Sforza, der ihn nach Rom begleitete, und war dann 1486–99 in der päpstlichen Kapelle in Rom. Anschließend ging er nach Mailand und Ferrara, wo er bis 1505 blieb. Josquin ist der berühmteste Meister der Zeit um 1500, den seine Zeitgenossen den »Fürsten der Musik« nannten.
Guillaume Dufay (1397–1474) erhielt seine erste Ausbildung in der Kathedrale von Cambrai. 1427 war er in Bologna und erhielt 1428 dort seine Priesterweihe. Von Juni 1435 bis Mai 1437 nahm er seinen Dienst in der päpstlichen Kapelle wieder auf, die zunächst in Florenz, dann in Bologna Aufenthalt nahm. 1439 erhielt er eine Präbende an St. Donatian in Brügge, die er 1446 gegen ein Kanonikat an Ste-Waudru in Mons tauschte. Von 1451 an lebte Dufay in Cambrai, war aber häufig auf Reisen. Er war wesentlich beteiligt an dem tiefgreifenden Stilwandel in die Mitte des 15. Jh., der einen auf Gleichberechtigung aller Stimmen des polyphonen Satzes zielenden, durchimitierten Stil vorbereitete, der sein Höhepunkt bei Josquin Desprez fand.
Jacob Obrecht (ca. 1450–1505) war 1479–84 Singmeister der Kirche in Bergen op Zoom, 1484–85 an der Kathedrale in Cambrai und 1486–91 an St. Donatian in Brügge. Im Winter 1487/88 reiste er auf Veranlassung des Herzogs Ercole I. nach Ferrara. 1492 wurde Obrecht Kapellmeister an Notre-Dame in Antwerpen.
Johannes Ockeghem (ca. 1420–1495) wird 1443/44 als Chorsänger an der Kathedrale von Antwerpen erwähnt. 1448 war er Mitglied der Kapelle des Herzogs Charles I. von Bourbon in Moulins, dann (1452/53) bis an sein Lebensende in hoch angesehenen Stellungen als 1. Kapellsänger und Kapellmeister am französischen Königshof.
Mateo da Perusio (um 1400) einer der herausragenden Komponisten der sogenannten „ars subtilior“ um 1400 in Italien. Er benutzte gleichermaßen die Diminuitionstechniken über eine ostinate Harmoniefolge für seine raffinierten Kanons.
(Alle Kurzbiographien gekürzt und minimal angepasst aus: Brockhaus-Riemann Musiklexikon)
DIE AUSFÜHRENDEN MUSIKGRUPPEN
Das Vokalensemble ad libitum wurde im Rahmen der Landshuter Hochzeit 1997 als Doppelquartett gegründet und widmet sich überwiegend geistlicher und weltlicher Musik des 14.–17. Jahrhunderts. Die Gruppe tritt regelmäßig im Landshuter Raum auf, so zum Beispiel mit Konzerten im Rahmen der Landshuter Krippenwegs und der Landshuter Hoftage. Seit 2001 gestaltet ad libitum im Rahmen der „Landshuter Hochzeit 1475“ ein Geistliches Konzert unter dem Motto „Laudate Dominum“ mit Musik um 1475 in der Jodokskirche.
Das Instrumentalmusik- und Gesangsensemble Musica Cumpaneia, gegründet 1997, widmet sich der Musik der Spielleute des ausgehenden Mittelalters. In einer gemischten Besetzung, mit Flöten, Fidel, Cister, Posaune und Trommeln, weiß das Ensemble für die komplexe Rhythmik und polyphonen Arrangements jener Zeit zu begeistern. Musica Cumpaneia ist in Konzerten und auf Mittelalterfesten zu hören und wirkt seit 2009 im Konzert „Laudate Dominum“ der Landshuter Hochzeit mit.
Die Salzburger Trometer sind eine Musikgruppe im Gefolge des Erzbischofs von Salzburg, der das Brautpaar von 1475 in St. Martin getraut hat. Die zehn Trometer und zwei Pauker stellen seit 2001 die Trompetengruppe dar, die Bernhard von Rohr nachweislich mit sich nach Landshut geführt hat. Ausgehend von historischem Notenmaterial versuchen die Musiker, sich dem Klang von 1475 anzunähern. Durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Fachwissenschaftlern aus dem Bereich der Alten Musik entstand in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Repertoire an Bearbeitungen und Eigenkompositionen, das in möglichst historischer Aufführungspraxis bei vielen Veranstaltungen im Rahmen der „Landshuter Hochzeit 1475“ zu hören ist.
Laudate Dominum
MITWIRKENDE
Vokalensemble ad libitum
Sopran
Maria Schäffler
Monika Unterholzner
Alt
Petra Hubert
Ursula Weger
Tenor
Diego Kauffmann
Stefan Voll
Bass
Thomas Eberl
Simon Lindner
Instrumentalensemble Musica Cumpaneia
Katharina Keglmaier (Blockflöte und Gesang)
Veronika Keglmaier (Fidel)
Susanne Temporale (Fidel)
Martin Strasser (Cister und Gesang)
Claudia Schwinghammer (Posaune und Schlagwerk)
Nächtlicher Mummenschanz
HINWEISE
Wann?
Wo?
St. Jodok
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